Exposé

HEIMAT. DEUTSCHLAND – DEINE GESICHTER.

Eine Betrachtung im Kontext der Fotografie- und Zeitgeschichte  von Elke Backes

Gesichter schauen mich an. Schnörkellos, mit einer irritierenden Klarheit. Porträts, Köpfe in seriell strenger Form frontal vor gleichem Hintergrund. In der gerasterten Ordnung der Hängung erscheinen sie mir zunächst als Gesamtfläche, die sich erst bei näherer Betrachtung in Einzelbilder auflöst. Das Individuum und das Kollektiv werden zu Angelegenheiten der wechselnden Entfernung. Pixel eines digitalen Bildschirms kommen mir in den Sinn. Ich trete näher heran.

Die Ästhetik der Fotos erinnert mich zunächst an die Porträtserie von Thomas Ruff. Auch seine dokumentarischen Großfotos werden von einer betont sachlichen, scheinbar leidenschaftslosen und unpersönlichen Bildsprache geprägt. Auch er verzichtet auf einen umgebenden dekorativen Raum sowie jegliche Form der fotografischen Inszenierung. Den porträtierten Personen wird keinerlei Freiraum für eine, ihre Persönlichkeit verfremdende, Selbstdarstellung zugestanden.

001

Während bei Ruff jedoch über das riesige Format und die meist großzügige Hängung der Porträts das Subjekt ausschließlich in seiner Authentizität fokussiert wird, verändert die enge, gerasterte Hängung bei Sander die Wahrnehmung des Subjekts. Je nach Entfernung wird es ebenfalls entweder in seiner Authentizität fokussiert oder löst sich scheinbar in der Masse auf, ordnet sich geradezu unter. Offensichtlich ist hier eine weitere Bildaussage intendiert.

In der Hoffnung, neben der formalen, auch eine gemeinsame inhaltliche Verbindung zwischen den porträtierten Menschen herstellen zu können, wandert mein Blick langsam von links nach rechts, von oben nach unten. Ich sehe vertraute,  prominente Gesichter, zwischen mir unbekannten männlichen, weiblichen, älteren, jüngeren, hellen und dunklen. Einzig ihre in der Bildunterschrift angegebenen Vornamen im Ausstellungskatalog geben ein wenig von ihrer Identität preis.

Es wird Zeit, einen Blick auf den Titel der Ausstellung zu werfen: Heimat. Deutschland – Deine Gesichter. Wie definiere ich möglichst objektiv den Begriff Heimat? Ich schlage im Brockhaus nach. Demnach ist Heimat im »allgemeinen Sprachgebrauch auf den Ort bezogen, in den der Mensch hineingeboren wird, wo die frühen Sozialisationserlebnisse stattfinden, die weithin Identität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und schließlich auch Weltauffassungen prägen.«1

Die Bedeutungsvielfalt dieses Begriffs wird deutlich. Heimat steht demnach neben räumlichen, auch für die soziale, historische, psychologische und politische Identitätsfindung des Einzelnen. Während hiermit in erster Linie subjektive Bedeutungen dargestellt werden, weist der Philosoph und Soziologe Georg Simmel dem Begriff bereits 1908 auch eine soziologische Bedeutung zu und zählt Heimat zu den »[] Konstitutionsbedingungen von Gruppenidentität.«2

Ich wende mich zurück zum Titel der Ausstellung: Heimat. Deutschland – Deine Gesichter. Die Erweiterung des Begriffs Heimat um Deutschland verweist unweigerlich auf dessen gesellschaftliche Bedeutung, Deine Gesichter hingegen auf das Individuelle eines Menschen in seiner differenziertesten Erscheinungsweise.

Gesichter als Gesellschaftsporträt der Menschen des 21. Jahrhunderts?

In diesem Zusammenhang kommt mir ein anderer Sander in den Sinn.  August Sander. Die Namensgleichheit ist zufällig. August Sander dokumentierte mittels seiner Porträtserie Die Menschen des 20. Jahrhunderts ein Gesellschaftsbild seiner Zeit. Der Vergleich lässt erstaunliche Parallelen erkennen.

August Sander schrieb in den 1920er Jahren mit seinen Bildern ein Stück Sozial- und Kulturgeschichte. Im Stil der Neuen Sachlichkeit, deren Künstler sich auch der sozialkritischen Darstellung der ungeschönten Welt verpflichtet sahen, erstellte er eine Typologie der Deutschen. In seiner Porträtserie stellt er den Menschen als Vertreter einer spezifischen Gesellschaftsgruppe vor. Seine Porträts ordnete er in Mappen ein, aufgeteilt in sieben Gruppen mit den Titeln: Der Handwerker, Die Frau, Der Bauer, Die Stände, Die Großstadt, Die Künstler und Die letzten Menschen.3

Wie später Carsten Sander präsentierte auch er mittels radikal vereinfachter Fotografie seine Modelle in meist frontaler Pose in klarer, kalter Authentizität. Mit seinen Bildunterschriften verweist er hingeben lediglich auf ihre Gruppe und verzichtet gänzlich auf den Hinweis ihrer Identität.

002

1929 beschrieb er seine Intention wie folgt: »Mit Hilfe der reinen Photographie ist es mir möglich, Bildnisse zu schaffen, die die Betreffenden unbedingt wahrheitsgetreu und in ihrer ganzen Psychologie wiedergeben. Von diesem Grundsatz ging ich aus, nachdem ich mir sagte, daß wenn wir wahre Bildnisse von Menschen schaffen können, wir damit einen Spiegel der Zeit schaffen, in der diese Menschen leben [] Dadurch, daß ich sowohl die einzelnen Schichten wie auch deren Umgebung durch absolute Photographie festlege, hoffe ich eine wahre Psychologie unserer Zeit und unseres Volkes zu geben.«4

Mit wahren Bildnissen von Menschen einen Spiegel der Zeit schaffen, in der diese Menschen leben.

Diese Intention sehe ich im Augenblick auch in der Porträtserie Carsten Sanders‘ verankert. Während er jedoch lediglich die Gesichter der Menschen fokussiert, gesteht August Sander seinen porträtierten Personen ihre typische Kleidung und ihren Umraum zu.  Hierin scheinen sich die beiden Porträtserien nun stark voneinander zu unterscheiden. Doch eine zentrale Gemeinsamkeit verbirgt sich in beiden Bildsprachen:

Beide Fotografen schaffen ein Bewusstsein dafür, dass die Menschen bewertet werden und sich darüber definieren.

Damals wie heute wurden und werden die Menschen danach bewertet, ob sie bestimmten Maßstäben entsprechen und die damit verbundenen Erwartungen erfüllen. Doch während damals noch traditionelle ständische Strukturen die Bewertungskriterien und damit das Bewusstsein des Einzelnen definierten, hat sich der Bewertungsradius des heutigen Individuums deutlich vergrößert. Maßstäbe setzen vertraute Werte wie die gleiche Sprache, Kultur und Religion, doch dienen insbesondere das äußere Erscheinungsbild und die Kleidung der ersten Taxierung hinsichtlich einer Einschätzung auf den vermeintlich wirtschaftlichen Nutzen des Individuums.5

Unsere Gesellschaftsordnung gewährt immer mehr individuelle Freiheiten, sodass die eigene Verantwortung immer größer wird. Welche Entscheidung ist die richtige, um den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft gerecht zu werden? Offene Grenzen sowie soziale und politische Umstürze in der Welt beschleunigen den deutlich sichtbaren und spürbaren demographischen Wandel innerhalb der deutschen Bevölkerung. Unterschiedlichste Nationalitäten und Kulturen mischen sich. Alte Strukturen scheinen sich aufzulösen. Verunsicherung und Orientierungslosigkeit sind die Folge. Doch gibt nicht unsere demokratische soziale Grundordnung eine Orientierung vor?

Heimat. Deutschland – Deine Gesichter. Ich betrachte erneut die Fotos und suche darin das Gesellschaftsporträt des 21. Jahrhunderts.

Bewertung, Bewusstsein, Orientierungssuche, wahre Bildnisse von Menschen als Spiegel unserer Zeit … ? – meine Gedanken kreisen.

Authentizität der porträtierten Person in der Einzelbetrachtung, gleichberechtigte serielle Unterordnung in der Gesamtbetrachtung – plötzlich erkenne ich in dieser Vereinfachung eine konkrete soziale Utopie!

Mit der demonstrativen Herausstellung der Individualität des Menschen und dessen gleichzeitiger Unter- und Einordnung in das Kollektiv verleiht Carsten Sander seiner Forderung nach einem neuen Bewusstsein Ausdruck:

• Der Forderung nach einem individuellen Bewusstsein, ein wertgeschätztes, gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft zu sein

• und gleichzeitig der Forderung nach einem kollektiven Bewusstsein, Orientierung in der bestehenden   demokratischen Ordnung als Grundlage für das soziale Miteinander zu finden.

In der Konsequenz wird innerhalb dieser Ordnung  jedem Einzelnen vorurteilsfrei sein persönlicher Raum zugestanden, um an der Gestaltung des alle verbindenden gemeinsamen Raumes, der „Heimat Deutschland“, mitzuwirken.

Der Titel ist nicht etwa sehnsuchtsvoll rückwärtsgewandt, sondern als ideologisch in die Zukunft gerichteter Aufruf zu verstehen. Carsten Sander beabsichtigt somit nicht die Dokumentation der Menschen unserer Zeit, sondern die Vision eines neuen Deutschlandbildes.

Die Pixel des digitalen Bildschirms kommen mir wieder in den Sinn. Erst ihr Zusammenwirken lässt ein großes neues Bild entstehen.

1 Brockhaus. Mannheim 1989, S. 617
2 Ebd. zitiert Georg Simmel, S. 618
3 vgl. Susanne Lange, Gabriele Conrath-Scholl in: August Sander. Menschen des 20. Jahrhunderts. Studienband. Hg.: Photografische Sammlung, SK Stiftung Kultur Köln. München 2001, S. 12f.
4 Rolf Sachsse zitiert August Sander in: Köln wie es war. Köln 1988, S. 11
5 vgl. Manfred Rekowski. Was der Mensch wert ist. In: fiftyfifty. Hgg. Asphalt e.V. Düsseldorf, Caritasverband Krefeld e.V., Caritasverband Frankfurt/Main, Verein für Gefährdetenhilfe gemeinnützige Betriebs-GmbH. 21. Jahrgang. Dezember 2015. Meckenheim 2015, S. 12

Katalog

Ausstellungen

muenster

Ausstellung in Münster

Juli und August 2016 ist die Dominikanerkirche Schauplatz der nationalen und internationalen Ausstellung „HEIMAT. Deutschland – Deine Gesichter“, kuratiert von Jörg Schemm. Herzstück der Ausstellung ist die große Kirchenwand gegenüber dem Altar. Auf der imposanten 10 x 11 m großen Wandfläche wird die Installation der tausend Gesichter (Fotografien im Format 35 x 25 cm) gezeigt.

Die Dominikanerkirche als Ort des Friedens und Sinnbild des harmonischen Zusammenlebens in der Gesellschaft bietet den idealen Raum für das Projekt.

Willy Brandt Haus

Ausstellung im Willy-Brandt-Haus

Der Berliner Fotograf Carsten Sander hat in den vielen Jahren seiner Karriere die meisten der großen deutschen Stars vor der Linse gehabt. Für sein aktuelles Projekt Heimat. Deutschland – Deine Gesichter portraitierte er nicht nur Prominente und Politiker wie Egon Bahr, Iris Berben, Hans-Dietrich Genscher, Markus Lanz, Claudia Roth u.v.a., sondern auch Obdachlose, Schüler oder Hausfrauen. Das Grossartige an diesen Bildern ist: Sie unterscheiden nicht, woher man kommt oder was man macht. Durch den Verzicht künstlicher Posen zeigen die Portraits immer die Essenz eines Menschen, und damit auch die Essenz dieses Landes.

Sander zeigt mit diesem Projekt: Ein Land ist immer nur die Summe seiner Gesichter. Vier Jahre hat es gedauert diese Gesichter zu „sammeln.“ Jetzt sind es fast 1000. Autor und Rhetorik-Coach Dr. Stefan Wachtel sprach in dieser Hinsicht über „Wahrheitsfotografierkunst“ und ein Pressetext beschrieb es sehr treffend: „Auf das Wesentliche reduziert zeigt Carsten Sander den Menschen, wie er ist. Ein Gesicht, das mehr vermittelt als den gesellschaftlichen Stempel. Ein schlichter Hintergrund, nichts was ablenkt. Und plötzlich paaren sich Aggressionen mit Sehnsucht, Arroganz mit Unsicherheit. Aus allen Schichten und Orten Deutschlands kommen Menschen in diesem Gesamtwerk zusammen. Ohne Effekte oder Posen offenbart sich so ein ganz neues Deutschland, das zum Hingucken einlädt; zeigt, wie viel mehr sich hinter einem Gesicht verbirgt und im besten Fall ein neues Vertrauen bewirkt.“

Für Deutschland – Deine Gesichter ist mit dem 1000. Porträt nichts abgeschlossen. Im Gegenteil – eine lange Reise beginnt. Die Ausstellung im Willy-Brandt-Haus Berlin zeigt einen Teil der geplanten Gesamtausstellung in Großformaten. Der dazu entstandene Katalog erhielt den German Design Award 2015.

carsten-sander-ausstellung-104_v-ARDFotogalerie

Wissenschaftszentrum Bonn

Die Ausstellung „HEIMAT. Deutschland – Deine Gesichter“ ist im Foyer des Wissenschaftszentrums Bonn bis zum 22.10.2015 zu sehen. Öffnungszeiten: montags bis freitags von 8 bis 19 Uhr. Sonderöffnung am 20.09.2015 und am 03.10.2015 jeweils von 13 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

2015-08-21 18.23.09

Auswärtiges Amt

„HEIMAT. Deutschland  Deine Gesichter“ macht Station im Auswärtigen Amt, parallel zur diesjährigen Botschafterkonferenz. Bis zum 31.08.2015 und zusätzlich zum Tag der Deutschen Einheit.
ausstellung-3

Termine

Wissenschaftszentrum Bonn
11.09. – 22.10.2015
Eröffnung am 10.09.2015 um 19.30 Uhr

Wissenschaftszentrum Bonn, Ahrstr. 45, 53175 Bonn, www.wzbonn.de

Öffnungszeiten: Montag – Freitag, 8 – 19 Uhr

Sonderöffnungszeiten: Sonntag, 20.09. & Samstag, 03.10., jeweils 13 – 18 Uhr

Eintritt frei

ddg-ausstellung

Ein Land in 1000 Gesichtern

Tagesspiegel am 18.09.2014:

Arm? Arrogant? Lustig? Wir sortieren Gesichter oft nach Stereotypen. Der Berliner Fotograf Carsten Sander entreißt sie ihrem Kontext – und zeichnet so ein Deutschlandporträt. Die letzten 50 sucht er noch.

Kann man es rücksichtsloser zusammenfassen als der Duden? „Das Gesicht ist die besonders durch Augen, Nase und Mund geprägte Vorderseite des menschlichen Kopfes vom Kinn bis zum Haaransatz.“ Dass manches Gesicht Fassade ist, ist ein altes Lied – aber Angesicht, Antlitz, meint das neben dem Existentiellen nicht immer auch das Wesentliche, das Wesen dahinter? Auge, Nase, Mund, Kinn und Haaransatz von Hans-Dietrich Genscher trennen Welten von Auge, Nase, Mund, Kinn und Haaransatz von Stefan Kretzschmar, und das nicht nur, weil Kretzschmars Nase länger ist und der Haaransatz von Genscher ein ganzes Stück weiter oben beginnt. Der Berliner Fotograf Carsten Sander hat sie beide fotografiert – und noch 948 andere Menschen: männliche, weibliche, ältere, jüngere, helle, dunkle Gesichter.

weiterlesen

test

F 37

In der Galerie F37 gab es im Dezember 2013 eine weitere Kostprobe der insgesamt 1000 Portraits.

 

BerlinerListe_WEB

Berliner Liste

Zum ersten Mal gezeigt wurden einige der Portraits bei einer Sonderausstellung während der Berliner Liste 2013.

 

Künstler

Carsten Sander

Massive inhaltliche Kraft und Ästhetik gepaart mit technischer Virtuosität gelten seit Jahren als Sanders Markenzeichen. Wie kaum einem zweiten gelingt es dem Fotokünstler mit seinen Arbeiten eine phantastische Sphäre zu schaffen.

„Wahrheitsfotografierkunst“

Mit seinem aktuellen Projekt „Deutschland – Deine Gesichter“ zeigt sich Carsten Sander von einer ganz neuen Seite.  „Wer sich auf die Suche nach dem Mensch hinter dem Vorurteil macht, muss erst mal weg lassen“ so Sander. Auf das Wesentliche reduziert zeigt der Künstler den Menschen, wie er ist. Unverfälscht hält er das „Wirkliche“ Ich fest, ganz frei von Vorurteilen oder einem gesellschaftlichem Stempel. Carsten Sander gelingt es auf eindrückliche Weise, Menschen aller Schichtungen und Herkünfte auf einen gemeinsamem Nenner zu bringen. Etwas, das uns alle verbindet: Unsere Heimat Deutschland.

Förderer

Förderer

Presse

Bild